Rosaya Seife

Text und Idee: Franz Krestan www.krestan.at - Aus dem Buch: Neue Sagen und Legenden aus Drosendorf mit freundlicher Genehmigung von Franz Krestan

Der Seifensieder und die Kaiserin

Rosaya is net theya
Rosaya is net theya

1846 wurde wegen einer Unachtsamkeit des Drosendorfer Seifensieders Joseph Schaumschlager beinahe die ganze Stadt eingeäschert. Sogar der Kirchturm fing Feuer und die Glocken fielen zu Boden. Es dauerte zwei Jahre, bis alle Häuser wieder Dächer hatten und zu bewohnen waren. Der Seifensieder durfte sein Handwerk aber nicht mehr innerhalb der Stadtmauern ausüben, er wurde in die Altstadt verbannt.

 

In einem kleinen Häusl nahe der Thaya begann sich der Seifensieder einzurichten. Es war gerade noch Platz für sein Eheweib und seine liebliche Tochter Rosalia. Nach einem heftigen Gewitter führte die Thaya Hochwasser und überschwemmte auch die Seifensiederei. Thayawasser gelangte in die Bottiche. Die entstandene Seife hatte eine schöne schimmernde Farbe angenommen, auch der Duft war einzigartig. Der feine Sand und das Perlmutt der Thayamuscheln steuerten das ihre dazu bei.

 

Tochter Rosalia probierte ein Stück dieser neuen Seife und war freudetrunken. Ihre feine Haut wurde noch samtiger und schillerte in den rosigsten Farben. Daraufhin versuchte auch die Schaumschlagerin die frische Seife und nahm ein ausgiebiges Bad darin. Schon nach dem ersten Bade sah die Seifensiederin um Jahre jünger aus. Nach einigen Tagen, als sie in der Stadt beim Bäcker Brot kaufte, erkannte man sie gar nicht wieder. Die Bäckerin allerdings erbleichte auf der Stelle. Sie erkannte die Schaumschlagerin an ihrer bunten Bluse. Bisher war sie die schönste aller Handwerksfrauen, doch nun schien ihr die Seifensiederin den Rang abzulaufen.

 

Das konnte sie doch nicht zulassen. Eine Seifensiederin schöner als eine Bäckerin? So schmeichelte sie sich bei der Seifensiederin ein, um das Rezept der zurückgewonnenen Jugend zu erfahren. Doch hatte der Seifenproduzent verboten, über sein neues Siedeverfahren Auskunft zu geben.

 

Am nächsten Markttage bot der Seifensieder seine neue Seife unter dem Namen „Rosaya" an - aber um dem doppelten Preis seiner üblichen Seife. Den Namen leitete er von seiner Tochter Rosalia und der Thaya ab. Zwei Kreuzer verlangte er für ein nicht allzu großes Stück. Die Bäckerin war die erste Kundin. Sie stand ja stets sehr früh auf, um ihre Kipferl und Zelten zu backen. Als sie die duftenden Seifen erblickte, die noch dazu mit einem rosafarbenen Band umwickelt waren, wusste sie sofort, dass dies der Jungbrunnen der Seifensiederin sein musste. Kurzerhand kaufte sie jedes Stück Seife, um zu verhindern, dass auch andere Frauen voll Liebreiz glänzen würden. Der Schaumschlager rieb sich die Hände, es war ein schnelles und gutes Geschäft.

 

Für den kommenden Markttag hatte er noch mehr von der neuen Seife produziert. Fein säuberlich richtete der Seifensieder seinen Marktstand her. Die Rosaya-Seife nahm in der Mitte des Standes ihren Platz ein und kostete mittlerweile drei Kreuzer. Wie erwartet war die erste Kundin die Bäckerin, die wieder die gesamte Seife zusammenraffte. Die Rosaya zeigte auch schon bei ihr Wirkung. Die Bäckerin sah nicht mehr so abgerackert aus, sondern strahlte jugendlich und voller Anmut wie vor zwanzig Jahren. Und der Seifensieder hatte wiederum schnelle Kasse gemacht.

 

Der Schaumschlagerin war es gar nicht recht, dass nur das Eheweib des Bäckers oben in der Stadt glänzte. Sie meinte mit Fug und Recht, alle Drosendorferinnen sollten künftig glänzen. Lange lag sie ihrem Joseph in den Ohren, bis er zustimmte, seine übliche Seife mit einem rosa Band zu umwickeln und als Rosaya um vier Kreuzer per Stück anzubieten, die echte Rosaya aber um einen Kreuzer, damit auch das einfache Frauenvolk sich die besondere Seife leisten konnte. Die Rechnung ging auf. Die Bäckersfrau kaufte wiederum die gesamte vier Kreuzer Seife zusammen.

 

Nach einigen Tagen merkte man eine Veränderung in der Stadt. Die Frauen und Mädchen, die sich mit der neuen Seife badeten, hatten wirklich einen perlmuttglänzenden Teint. Nur die Strahlkraft der Bäckerin war nicht mehr so wie vorher.

 

Der Schaumschlager kochte seine Seife ausschließlich mit Thayawasser und ein paar weiteren geheimen Zutaten. Die Haut all seiner Kundinnen wurde geschmeidig, schillernder und samtiger. Der Bürgermeister und der gesamte ehrsame Rat erfreuten sich am Anblick der Drosendorfer Frauen. Demzufolge gestattete man dem Schaumschlager Joseph am Stadtplatz einen Laden zu eröffnen. Sieden musste er allerdings in der Altstadt, damit ja kein Feuer mehr ausbräche. Täglich kam viel Kundschaft, um die Rosaya zu kaufen. Die Bäckerin hatte sich damit abgefunden, nicht mehr die einzige Schöne zu sein, obwohl sie viel Geld dafür ausgegeben hätte.

 

Auch dem jungvermählten Kaiser Franz Joseph kam zu Ohren, dass es in seinem Reiche eine Stadt gäbe, in der all ihre Bewohner besonders anmutig und strahlend wären. Er sandte seinen Hofmeister Carl von Steyn aus, um zu ergründen, ob dieses Gerede auch stimmen würde. Der Hofmeister, dessen Stammhaus das Schloss Karlstein an der Thaya war, kannte die Gegend wie seine Westentasche. Er reiste nach Drosendorf und schaute sich um.

 

Er war schlichtweg beeindruckt. Die Betrachtung der dortigen Damenwelt war ein Hochgenuss. Sogar die Männer und Burschen hatten ein samtiges Gesicht. Es schien auch, als gäbe es hier keine Alten. Er musste nicht lange forschen - es konnte nur an der Seife des Drosendorfer Seifensieders liegen. Der große Verkaufsladen am Platze war nicht zu übersehen. Auf einem rosa-farbenen Schild wurde angekündigt: „Hier gibt's die Rosaya gar net theya." Er kaufte ein paar Stück Seife und reiste zurück in die Kaiserstadt, um zu berichten.

 

Der jungen Kaiserin Sisi überließ der Hofmeister die mitgebrachte Seife. Tatsächlich schien die Drosendorfer Seife mit den rosafarbigen Bändern etwas Besonderes zu sein. Das zarte Antlitz der, schönen jungen Kaiserin erstrahlte schon nach dem ersten Bade berauschend. Seine Majestät konnte sich an der jungen Augenweide nicht genug satt sehen und sandte umgehend den Hofmeister wieder nach Drosendorf, um Seife zu holen. Außerdem solle er auch gleich den Seifensieder in die Wiener Hofburg zur Befragung mitnehmen.

 

Nach drei Tagen waren alle zur Stelle: der Seifensieder Joseph Schaumschlager aus der Stadt Drosendorf, der Hofmeister Carl von Steyn und eine riesige Kiste mit duftender schillernder Seife.

 

Seine Majestät Kaiser Franz Joseph empfing den Schaumschlager und adelte ihn zum k.u.k. Seifensieder. Er beauftragte nun den k.u.k. Seifensieder Joseph Schaumschlager, er möge sein Rezept sicher aufbewahren, damit es zu keiner Zeit in Feindeshand geraten könne. Und er dürfe künftig diese einzigartige Seife nur an die ehrsamen Bürger der Stadt Drosendorf verkaufen und müsse auch den kaiserlichen Hofe angemessen versorgen.

 

Kaiser Franz Joseph ließ den Finanzminister kommen, der dem Schaumschlager Joseph sogleich fünftausend Gulden Vorschuss zu zahlen hatte, damit er seine Seifensiederei vergrößern könne.

 

Der Seifensieder baute aus. Er begann sogar Kerzen zu ziehen und wurde immer reicher. Bald gehörten alle Häuser in der Drosendorfer Altstadt dem Schaumschlager, seinem Weibe und ihrer Tochter Rosalia. Auch in der Stadt wurde sein Laden erweitert. Seine Kerzen erhellten sogar die Gnadenbilder in Maria Schnee und Maria Drei Eichen.

 

Nachdem der alte Seifensieder dem Kaiser versprochen hatte, das Seifenrezept nicht in Feindeshand geraten zu lassen, hatte er es auch nicht niedergeschrieben und nahm es mit in sein Grab.

 

Bald kehrte wieder Alltag ein und der Liebreiz der Drosendorferinnen schmolz dahin. Nur Kaiserin Sisi strahlte weiterhin. Ihr hatte der Schaumschlager Joseph nämlich, das geheime Seifenrezept verraten.

 

Damit das Lager an Rosaya-Seife nicht zu Ende gehen konnte, ließ die Kaiserin im Schloss Schönbrunn eine neue Seifensiederei einrichten. Hofmeister Carl von Steyn sorgte stets für frisches Thayawasser aus Karlstein, die weiteren geheimen Zutaten kamen wie jeher aus der Stadt Drosendorf. Die rosafarbenen Bänder beschaffte er von den Bandlkramern aus Groß-Siegharts. Auf Grund seiner großen Verdienste wurde der Hofmeister Carl von Steyn vom Kaiser zum Freiherrn von und zu Seyfensteyn ernannt. Sein Nachfahre dient noch heute seiner Majestät Robert den I.

 

Der kleine Wenzel, ein Anverwandter der Kaiserin, erzählte dem alten Bürgermeister und nunmehrigen Circusdirektor, er hätte am Gutshof seines Vaters unter der Sitzbank eines alten Fasslwagens ein Schriftstück gefunden, aus dem er nicht schlau werden konnte. Gemeinsam enträtselten sie dieses Papier und kamen zur Erkenntnis, dass es sich um ein altes Seifenrezept der Drosendorfer „k.u.k. Seifensiederey Schaumschlager" handelte.

 

Der alte Bürgermeister hat Seife nach dieser Rezeptur vom Höfer Franz in Schönbach sieden lassen. Die erste Tranche hat wie erwartet wiederum die Bäckerin erworben, nicht um sie weiter zu verkaufen, nein, um noch schöner zu werden. Wer genau schaut sieht schon den Erfolg. Mit großer Neugier erwarten die Drosendorferinnen nun die zweite Lieferung der neuen Rosaya - hoffentlich is net theya.

 

 

Rosaya

is net theya

¼ Piund 5,55


Franz Krestan: Neue Sagen und Legenden aus Drosendorf - Illustriert von Ludwig Weber
Franz Krestan: Neue Sagen und Legenden aus Drosendorf - Illustriert von Ludwig Weber

 

Neue Sagen und Legenden aus Drosendorf

 

Franz Krestan: 

Illustriert von Ludwig Weber 

 

120 Seiten Hardcover

15 x 22cm 

 

30 Neue Sagen und Legenden 

 

Die Entdeckung des Mauerzapfens, Die Legende von der Kaiserwurst, Valentina, die Blumenheilige, Das Drosendorfer Würfelspiel, Die Himmelsleiter, Die Rache des Hollerbusches, Das Teufelsspiel, Das Schwedenrad, Der Seifensieder und die Kaiserin, Schwein gehabt, Der Grasel und der liebe Gott, Spaß muss sein, Des Bäckers Leid, Der Hausverstannd, Die Teufelsperle, Der Pfaffenstein, Die Wolfsspur, Die UFO-Landung, Die Geschichte vom Hexenhaus, Der Experte und der Wassermann, Der Spielmann, Der Himmel über Drosendorf, Der Unfisch, Der Großwildjäger und der Ziegenbock, Die Sage von der weißen Frau, Schwein gehabt, Das Thayaweiberl und der Professor, Die sibirischen Lärchen, Der Jungbrunnen, Die gestohlene Zeit.

 

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Inhaltsstoffe auf deutsch:

 

Mit Natrium verseifter Talg, Rapsöl, Glycerin, Mohnöl, Permuttstaub, Thayasand, Linalool ist ein ätherisches Öl aus Pflanzen und macht den guten Duft.

 

 

Die Seife:

 

Sodium Tallowate, Sodium Rapeseedate, Glycerin, Papaver Somniferum Seed Oil, Pearl Powder, Parfum: Linalool, Illite

 

www.handwerk-erleben.at

 



Siehe auch: Drosendorf Bücher